2 5 26 40 3 INHALT 64 Impressum Editorial Inhalt Engagement von Frauen im frühen Naturschutz – eine kollektivbiografische Annäherung Beate Ahr »Der Tierfreund« Der Wiener Tierschutzverein um 1900 und die Frage nach den Tierfreundinnen Birgit Pack Louise Lind-af-Hageby als Galionsfigur des Tierschutzes Eine einsame Frau am Bug des Bewegungsschiffes? Mieke Roscher / Anna-Katharina Wöbse Ihrer Zeit voraus. Visionäre Frauen im Einsatz für den Umwelt- und Naturschutz 1899 bis heute – eine Ausstellungsbesprechung Ute Hasenöhrl Vandana Shiva – Kämpferin für das ›Gute Leben‹ oder rückwärtsgewandte Konservative? Julia Rometsch / Martina Padmanabhan Frauen in der Antiatomkraftbewegung Am Beispiel der Mütter gegen Atomkraft Astrid Mignon Kirchhof Eine Naturkatastrophe gendern?! Erzählungen über die Hamburger Sturmflut von 1962 Frauke Paech Natur zwischen Schutz, Nutzung und nachhaltiger Gestaltung – feministische Ansichten Christine Katz / Tanja Mölders Rezensionen Freundinnen Ariadne HEFT 48 16 66 74 82 6 58 36 58 In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 wurde Norddeutschland von einer schweren Sturmflut heimgesucht. Am verheerendsten traf es Hamburg, insbesondere Wilhelmsburg sowie die südlich der Elbe gelegenen, damals ländlich geprägten Stadtteile wie Finkenwerder und Neuenfelde. Eine vergleichbare Sturmflut hatte es in Hamburg seit über 120 Jahren nicht gegeben und so waren sowohl die Bevölkerung als auch die Behördenvertreter darauf völlig unvorbe- reitet. In jener Nacht ertranken und erfroren auf Hamburger Stadtgebiet 315 Menschen, viele von ihnen waren ältere Leute oder Kin- der. Allein in Wilhelmsburg starben über 200 Menschen, zumeist in so genannten Behelfs- heimsiedlungen, in denen 17 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem ehemalige Ausgebombte, Flüchtlinge und junge Famili- en günstigen Wohnraum gefunden hatten. Von den Wassermassen betroffen war allerdings ausnahmslos die gesamte in diesen Stadtteilen lebende Bevölkerung, insgesamt etwa 100.000 Menschen. Diese Naturkatastrophe – in Kombination mit den umfangreichen, auch internationalen Hilfsmaßnahmen (koordiniert vom damaligen Hamburger Polizeisenator und späteren Bun- deskanzler Helmut Schmidt) und vor allem dem ersten zivilen Einsatz der 1955 gegründe- ten Bundeswehr – ist Bestandteil des kollek- tiven Gedächtnisses der Stadt Hamburg und wird bis heute deutschlandweit erinnert. Einig sind sich Vertreter_innen verschie- dener Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit Naturkatastrophen befassen, darin, den betrof- fenen Menschen eine Deutungshoheit zuzuer- kennen. Geschlechtsspezifische Fragestellun- gen kommen hierbei jedoch nicht vor, anders als etwa in US-amerikanischen Studien. Dor- tige Untersuchungen, die kommunale Auswir- kungen der Wirbelstürme Andrew (1992) und Katrina (2005) zum Thema haben, fokussieren z.B. im Kontext von sozialen und ethnischen Kategorien auch auf geschlechterspezifische Lebensverhältnisse und die daraus resultieren- den Bedürfnislagen in (zukünftigen) Katastro- phensituationen.1 Im Zusammenhang mit glo- balen Aspekten des Klimawandels sind auch hierzulande zunehmend Forscherinnen aktiv, »[f]eministische Perspektiven auf Klima, ge- sellschaftliche Naturverhältnisse und Gerech- tigkeit« zu untersuchen.2 Im Rahmen meines Dissertationsprojektes »Filmerzählung und Erinnerung – die Ham- burger Sturmflut von 1962« führte ich im Jahr 2004 insgesamt 50 themenorientierte, quali- tative Interviews mit 28 Hamburgerinnen und 22 Hamburgern der Jahrgänge 1912 bis 1953. Die befragten Männer und Frauen waren also 1962 zwischen 8 und 50 Jahre alt. Durch die Auswertung der Interviews wurde deutlich, dass sich die Befragten weniger offensichtlich über ihre Geschlechterrollen definierten als über ihr damaliges Lebensalter und ihre Zuge- hörigkeit zu anderen identitätsbildenden Grup- pen, insbesondere zur Familie. Geschlechter- spezifische Aspekte haben sich allerdings als durchaus forschungsrelevant erwiesen, wie noch gezeigt wird. Auch für diese Untersuchung ist eine kri- tische Selbstreflexion der eigenen Forschungs- perspektive und der Rolle als Interviewerin unerlässlich: Inwiefern begegnete ich in der Interviewsituation Frauen anders als Männern? Und auch meine Person (Geschlecht, Alter, Auftreten) hat Einfluss auf die Erinnerungser- zählungen der Befragten. Hilfreich ist in die- sem Zusammenhang insgesamt eine Reflexion der Frageinhalte in Hinblick darauf, inwiefern diese ggf. bereits Bezug auf das Geschlecht nahmen. Andererseits haben geschlechtssensi- tive Fragen das Potenzial, ansonsten unerwähnt bleibende Themen erst hervorzubringen.3 Die Analyse der nachfolgenden Interview- auszüge erfolgt primär aus der Perspektive einer volkskundlichen Bewusstseinsanalyse unter Berücksichtigung von Forschungen zur Analyse der Produktion von narrativer Identität aus soziolinguistischer und aus gender-orien- Eine Naturkatastrophe gendern?! Erzählungen über die Hamburger Sturmflut von 1962 Frauke Paech geb. 1967, M.A., Volkskundlerin, freiberuflich tätig als Erzählforscherin und Dokumentarfilmerin. Promotionsprojekt mit Dokumentarfilm »Flut 1962 – Erinnern. Gedenken. Erzählen.« Publ. u.a.: mit Nor- bert Fischer / Vanessa Hirsch: Bauernstuben reloaded. Ein volks- kundliches Filmpro- jekt zu einer Samm- lung des Altonaer Museums für Kunst und Kulturgeschichte, in: VOKUS. Volks- kundlich-Kulturwis- senschaftliche Schrif- ten, 22. Jg., 2012, H. 1, S. 12-23; »Die ganzen menschlichen Geschichten« – Die Hamburger Sturmflut von 1962 im Bewusst- sein der Wilhelms- burger Bevölkerung, in: Geschichtswerk- statt Wilhelmsburg Honigfabrik e.V., Museum Elbinsel Wilhelmsburg e.V. (Hg.): Wilhelmsburg – Hamburgs große Elbinsel, Hamburg 2008, S. 161-173. 59 tierter literaturwissenschaftlicher Perspektive sowie einer Oral History, deren erfahrungs- geschichtliches Erkenntnisinteresse – mit der Historikerin Ute Daniel formuliert – »die frag- mentierte Pluralität singulärer Lebenserfah- rungen und ihre narrative Gestaltung«4 ist. Die Hamburger Sturmflut von 1962 als Naturkatastrophe Auch nach über 50 Jahren ist die Hamburger Sturmflut von 1962 Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur. Sie wird als ›Naturkata- strophe‹ bezeichnet, da das Zusammenwirken eines Orkans aus nordwestlicher Richtung mit weiteren Wetterphänomenen zu extremem Hochwasser mit anschließenden Deichbrüchen und immensen Überschwemmungen führte. Der Hinweis des Schweizer Katastrophen- historikers Christian Pfister, dass »[j]eder Naturkatastrophe […] ein Extremereignis zu Grunde [liegt], das von der Natur ausgeht; aber nicht jedes naturbedingte Extremereig- und Zivilisationsferne, Leben und Tod«8. Diese stereotypisierten Zuschreibungen von Natur als weiblich sind primär Bestandteil geistes- und naturwissenschaftlicher Diskurse.9 Die Befrag- ten hingegen formulieren ein geschlechtsneut- rales Naturbild. Die damaligen Auswirkungen des 1962 ursächlichen Sturmtiefs mit dem Na- men Vincinette (die Siegreiche) werden von ihnen als die ›Umstände‹ interpretiert, die diese Katastrophe auslösten. Die Zeitzeug_innen ar- tikulieren Vorstellungen von Natur (z. B. »Höl- lensturm«; »wahnsinnig stürmisch«; »eiskaltes Wasser«; »tosendes Wasser«; »es stieg heftig«) als Mittel, um die Dramatik der eigenen Ge- schichte zu veranschaulichen. Voraussetzung für die Bewältigung der Er- lebnisse ist aus Sicht der damals betroffenen Menschen auch die Wiederkehr von Alltags- routinen, ihre Kontinuität und Stabilität. Daher ist zu vermuten, dass auch die Beständigkeit von gelebten Geschlechterrollen Bestandteil dieses Bewältigungsprozesses war. Im Folgen- den wird daher der Blick auf die damalige Le- benssituation der Befragten gerichtet. Die Lebenssituation der Befragten zu Be- ginn der 1960er Jahre Die interviewten Männer und Frauen der Jahr- gänge 1912 bis 1953 sind von einem traditio- nellen Geschlechterrollenverständnis geprägt: Sie lebten 1962 aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und des damaligen Wohnungs- mangels entweder noch bei den Eltern oder mit dem/der Ehepartner_in und zudem häufig zu- sammen mit den Eltern bzw. Schwiegereltern in einem Wohnhaus. Die Interviewten gehör- ten alle der Arbeiterschicht bzw. dem unteren Mittelstand an, ihr weiterer Lebensverlauf führte zu einer ökonomischen Verbesserung. Nahezu alle Befragten gründeten eine Fami- lie und bekamen Kinder. Viele der interview- ten Männer arbeiteten als Facharbeiter in den umliegenden Industriebetrieben, während die Frauen halbtags – häufig im Büro oder im Ein- zelhandel – oder ›wegen der Kinder‹ als Haus- frau tätig waren. Vor dem Hintergrund dieser (Berufs-)Biografien ist geschlechtsspezifisch nachvollziehbar, dass Frauen zumeist im häus- lichen Rahmen und gewissermaßen entlang der Familie erzählen, während sich Männer vorran- Zerstörungen durch die Wassermassen 1962 in Hamburg- Neuenfelde (links) und Hamburg- Wilhelmsburg (oben) »[Was meine Frau und ich] uns immer gesagt haben, als erstes kommt die Familie, [...]. Und alles andere, was Luxus ist, ob das Fernseher ist oder Auto, das kommt erst in zweiter Linie.« Gerd F., Interview 2004 nis löst eine Katastrophe aus«5, macht jedoch deutlich, dass der Bezugspunkt, dieses Ereignis als Naturkatastrophe zu definieren, nicht die naturbedingten Extremereignisse sind, sondern die Auswirkungen auf die Menschen. Die Geo- grafen Carsten Felgentreff und Thomas Glade bezeichnen den Begriff Naturkatastrophen als eine »zutiefst menschliche Kategorie«6, denn erst durch die subjektiven Erfahrungen werde ein Ereignis als katastrophal bewertet. Und die Historiker Dieter Groh, Michael Kempe und Franz Mauelshagen interpretieren den Wortbestandteil ›Natur‹- als einen Verweis auf die ursachenbedingten Abläufe einer Ka- tastrophe, als eine Zuschreibung, die durchaus den Menschen als (mit)verursachend ansehen kann. In dem vorliegenden Aufsatz, der die Erinnerungserzählungen von damals betroffe- nen Frauen und Männern untersucht, ist daher ebenfalls nicht die Natur, sondern primär der Wortbestandteil -›katastrophe‹ von Interesse, da er auf ein menschliches Drama und dessen Bewältigung verweist.7 Geschlechterspezifische Naturvorstellungen werden in den Interviews nicht geäußert, etwa Vorstellungen von der Frau als Sinnbild für Na- tur, Wasser identifiziert mit Weiblichkeit, oder »Chaos und Unkontrollierbarkeit, Verführung und Unterwerfungsbereitschaft, Triebhaftigkeit gig an ihrer Berufstätigkeit orientieren.10 Diese Unterscheidung ist als eine »Geschlechtstypik erzählter Lebensgeschichten«11 in den von mir geführten Interviews zur Hamburger Sturmflut von 1962 zu finden. Die Anfang der 1960er Jahre gestiegene Erwerbsquote zumindest phasenweise erwerbs- tätiger Ehefrauen zeigt, dass sich das Bild der ›reinen Hausfrau und Mutter‹ zu wandeln be- gann.12 Allerdings stellten Frauen diese Struktu- ren »nicht in Frage, ebenso wenig wie sie be- anspruchten, ihr eigenes traditionelles Feld, die Familie, mit Männern zu teilen.«13 Diese Hal- tung hatte auch Einfluss auf die Rollenzuschrei- bungen und Handlungsspielräume von Männern und Frauen während der Naturkatastrophe. Geschlechtsspezifische Handlungsspielräu- me in der Naturkatastrophe Die Handlungsspielräume der damals betrof- fenen Frauen und Männer waren begrenzt. Sie waren im Wesentlichen Opfer. Es lässt dieser Leistung der Frauen damals kann man nur den Hut ziehen.« Die geäußerten Rollenzu- schreibungen sind an Moralvorstellungen ge- koppelt. Weibliche Fürsorglichkeit und männ- liches Heldentum werden von den Befragten hier allerdings nicht dichotom erinnert und ge- deutet, sondern als sich ergänzende, Hand-in- Hand gehende Eigenschaften während dieser Naturkatastrophe: Männer waren die Retter ›an der Front‹, diejenigen, die auch Tote bargen, die als erste wieder in ihre vom Wasser zerstör- ten Wohnungen und Häuser zurückkamen, um mit den Aufräumarbeiten zu beginnen, und die aufgrund ihrer Ortskenntnisse die Versorgung der Nachbarschaft koordinierten. Frauen agier- ten vorrangig unterstützend ›im Hintergrund‹, auf die Familie bzw. die eigenen Kinder hin orientiert, zumeist waren sie mit den Putz- und Aufräumarbeiten innerhalb der Wohnung bzw. des Eigenheims befasst. Seltene Ausnahmen bildeten Frauen, die aufgrund der Abwesenheit ihrer Ehemänner oder Väter an ihrer statt – also gesellschaftlich legitimiert – während der Sturmflutnacht als Retterinnen tätig waren: Elisabeth S. (damals 31 Jahre alt, Ham- burg-Altenwerder): »Unsere Hühner, die wa- ren Außendeichs, wie wir die geholt haben sich allerdings ein unterschiedlicher, d.h.: ge- schlechtsspezifisch erzählter Umgang mit die- ser Rolle feststellen. Deutlich wird dies in den Erinnerungen an Aufgabenteilungen: Ursula S. (damals 25 Jahre alt, Hamburg- Wilhelmsburg): »Also dass das ne Männerma- terie war, möchte ich nicht abstreiten. Denn welche Frau ist schon bereit, diese Arbeiten zu leisten, die diese Männer geleistet haben. […] Und die Frauen vom Roten Kreuz, [...] die ha- ben ja auch ihren Teil dazu beigetragen: die Versorgung aufrechterhalten, die Verletzten zu betreuen und die Kinder zu betreuen, wo eben die Eltern vermisst waren oder wo die El- tern umgekommen sind, also da haben Frauen doch auch ihren Teil zu beigetragen. […] Nur die sind ja, die haben ja mehr im Hintergrund gewirkt wie jetzt die Männer, die vorne an der Front waren, wenn man das mal so schön sa- gen soll, ne. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frauen weniger beteiligt waren, ne.« Adolf K. (damals 38 Jahre alt, Hamburg- Finkenwerder): »Bei den Frauen hat sich also wirklich Überlegung, Handfertigkeit und, na, etwas umzusetzen, was im Augenblick über- haupt fast unmöglich erschien, das hat sich da als absolute Stärke gezeigt, während die Män- ner sich dann mehr auf ihre Muskelkraft be- sonnen haben. Das war also der große Unter- schied. Und da kann ich heute nur sagen, vor »Wir brauchten neue Stubenmöbel, wir brauchten neues Schlaf- zimmer, wir brauchten viele Dinge. Und die ersten Jahre, um dies erarbeiten zu können, ist meine Frau wieder arbeiten gegangen – trotz der Kinder.« Herbert W., Interview 2004 »Und wir waren Mädchen, wir muss- ten helfen, wir haben mit sauber gemacht, wir haben mit auf- geräumt, das hätte meine Mutter alles gar nicht alleine geschafft. Handreichungen, ne, aber trotzdem.« Maren S., Interview 2004 60 Bilder im Text: Reinigungsarbeiten im Krankenhaus Groß-Sand, Hamburg- Wilhelmsburg, 1962 […]. Das erste Mal bin ich noch trocken nach Haus gekommen, das zweite Mal lief mir das Wasser schon in die Gummistiefel, das dritte Mal war ich schon bis am Bauch im Wasser und das vierte Mal, äh, das letzte Mal, da hab ich die Hühner praktisch übern Kopf getragen, und das Wasser ging bis unter die Arme.« Die interviewten Männer akzentuieren ihre Erinnerungserzählungen zumeist dahinge- hend, aktiv gehandelt zu haben, obwohl auch sie ebenso Opfer waren wie Frauen, denn auch sie mussten gerettet und versorgt werden, wa- ren angewiesen auf Hilfe von außen. In ihren ›kleinen‹ Heldengeschichten wird innerhalb der Erzählung der eigene Opferstatus relati- viert, quasi als eine Form der Re-Konstruktion von Männlichkeit in der Verbalisierung aus heutiger Perspektive. Gerd F. (damals 25 Jahre alt, Hamburg-Wilhelmsburg): »Da war denn der Nachbar da, und der rief nur, ›Raus, raus, raus, das Wasser kommt‹. Na ja, als Wilhelms- burger kenn ich so was mit dem Hochwasser und mit der Flut und so was, mir ist so was bekannt, und ich hab natürlich da drauf gleich reagiert, ich sag zur Frau, ›Raus, raus‹, da war denn aber der Strom schon weg, und denn im male von Texten [zu begreifen], sondern [als] hochgradig semantisierte narrative Modi, die aktiv an der Konstruktion von Geschlechteri- dentitäten und Geschlechterrollen beteiligt«16 sind, ist gewinnbringend auch für eine Unter- suchung von Interviews aus volkskundlich-kul- turanthropologische Perspektive. Bisher wurden auch hier in der Erzählforschung geschlechts- spezifische Aspekte zumeist nicht berücksich- tigt. Zwar gibt es einige Arbeiten hierzu in der Dunkeln, alles raussuchen, anziehen. […] Und na ja, wie wir denn raus kamen, […] die klei- nen Gräben, die waren schon voll Wasser, und wie ich das gesehen hab, da bin ich losgerast mit meiner Frau, die hab ich gezogen wie so’n Weltmeister, und denn raus hin zur Schule, dass wir da erstmal höher kamen, in Sicherheit.« Unterschiedlich moralisch pointierte Ge- schichten geben Hinweise auf ein damaliges wie heutiges Geschlechterrollenverständnis der Befragten. Männer handelten demgemäß im Gegensatz zu Frauen auch in einer größeren Sichtbarkeit, was nachwirkend – und bis heu- te – zu einer erhöhten gesellschaftlichen Auf- merksamkeit führte.14 Großen Anteil daran ha- ben aber weniger die Erinnerungstradierungen in der Bevölkerung als vielmehr die medialen Veröffentlichungen zur 1962er Sturmflut. Darin werden Männer – allen voran Helmut Schmidt – primär als Retter und Helden inszeniert.15 Die Einordnungen der Befragten sind hingegen we- sentlich differenzierter. Diese Analyseergebnis- se sollen im Folgenden erweitert werden durch eine Untersuchung der Erzähltechniken, verstan- den als Praxis narrativer Identitätsbildung und Selbstrepräsentation. Erzählforschung im Kontext von Geschlechterforschung Der Ansatz aus der feministischen Literatur- wissenschaft, Erzähltechniken »nicht bloß [als] erzähltechnische und strukturelle Merk- klassischen Sagen- und Märchenforschung17, aber bei denjenigen, die Erzählforschung als Bewusstseinsanalyse thematisieren, kommt die Kategorie Geschlecht nahezu nicht vor.18 »Die Forschungssituation ist noch überschaubar, denn auch in der neueren, der kontextorien- tierten Erzählforschung hat man erst zögerlich damit begonnen, jene Einflüsse zu registrieren, welche das Geschlecht der am Überlieferungs- prozess Beteiligten auf Erzählen wie auf Er- zähltes hat.«19 Dieses Resümee der Volkskund- lerin Sabine Wienker-Piepho aus dem Jahr 1999 hat nach wie vor Gültigkeit. Erzählforschung als Bewusstseinsanalyse rich- tet den Fokus auf Welt- und Wirklichkeitsbil- der der Menschen, die wiederum Rückschlüsse auf gesellschaftliche Zusammenhänge ermög- lichen. Diese Verwobenheit ist Erinnerungser- zählungen inhärent. Als Forschende haben wir es zudem stets mit einer Rekonstruktion und Repräsentation von Wirklichkeit zu tun, die auf die Vergangenheit rekurriert, jedoch als erzäh- lerische Gegenwart erschaffen wird. Insgesamt erschweren es diese Prämissen, anhand der Erzähltechniken geschlechterspezi- fische Haltungen zur Sturmflut auszumachen, da die Äußerungen gleichsam »unentwirrbar«20 auch mit denen anderer Männer und Frauen kombiniert scheinen. Wenn allerdings, wie die Ethnologin Helga Amesberger formuliert, »die Vergeschlechtlichung eine Grundkonstante un- serer Gesellschaft ist und die Erzählungen es- 61 Eine Familie auf der Baustelle ihres während der Flut zerstörten Wohnhauses in Ham- burg-Francop, 1963 »Wenn das jemand behauptet, dass das ne reine Männerma- terie gewesen ist, also da muss ich da dann doch etwas wider- sprechen, nich, denn wir haben ja genug Frauen gehabt, eben, die auch geholfen haben, ne.« Ursula S., Interview 2004 sentiell die Gegenwart sowie die soziale Situati- on reflektieren, dann ist auch die Produktion von Geschlecht Teil jeglicher Kommunikation und Interaktion. Dieser Prozess der Geschlechts(re)- produktion ist dabei aber weitgehend ein unbe- wusster Akt.«21 Für die Auswertung von Erinne- rungserzählungen sind die Kenntnisnahme und Reflexion gesellschaftlicher Bedingungen und der Konstruiertheit von Geschlecht unabding- bar, hier sowohl in zeithistorischer Perspektive auf die 1960er Jahre als auch auf die heutige Lebenswirklichkeit der Befragten bezogen. Da- rüber hinaus sind Erinnerungserzählungen als selbstbezügliche Aussagen zu interpretieren. Geschlecht als identitätskonstruierende Katego- rie ist somit jeder autobiografischen Äußerung zugehörig. Diese hat »nicht nur beschreibenden Charakter. Mit ihr wird ein bestimmter Selbst- entwurf […] mit selbstvergewissernder Wirkung erhoben: So bin ich, ich möchte mich als diese Person verstehen und verstanden werden.«22 Aus dieser Perspektive heraus soll im Folgen- den die Selbstbezüglichkeit von Interview- aussagen dazu dienen, heutige geschlechtsspe- zifische Haltungen zur erlebten Naturkatastro- phe zu ermitteln. Erzähltechniken als geschlechtsspezifische Haltung Die Analyse von Erinnerungserzählungen von zwei Ehepaaren, die jeweils die Sturmflut ge- meinsam erlebt haben, erfolgt in Anlehnung an Fragestellungen von Wienker-Piepho: Gibt es geschlechtsspezifische Varianten von ein- und derselben Gesamt-Erzählung? Gibt es geschlechtsspezifische Variablen, z.B. Schwerpunktsetzungen, bei der Gestaltung ein- zelner Themen? Gibt es umfassendere weibli- che Meta-Mitteilungen?23 Das erste Beispiel, Karin und Harald W., beide damals 19 Jahre alt, mit ihrer Familie wohnhaft in einer Behelfsheimsiedlung in Hamburg-Waltershof: In dem gemeinsamen Interview mit dem Ehepaar ergreift zunächst Harald W. das Wort und berichtet zusammenfas- send, wie er mit seiner Familie in ein höher ge- legenes Schulgebäude geflohen ist. Die Details dieser ›Odyssee‹ benennt er – im Gegensatz zu seiner Ehefrau – nicht. Harald W.: »Na jedenfalls meine Schwes- ter hat unsere beiden Katzen genommen, meine Frau hat den Jungen auf’n Arm, und ich hab meine Mutter mitgenommen. Und denn sind wir dahin, diese 500 Meter bis zur Schule un- gefähr, ne. Und in der Schule, die hatten ja ’n ersten Stock, da war unten auch schon alles voll Wasser. Ersten Stock hoch, und da haben die alle denn da, also viele Leute gelegen. Und im Trockenen, aber wenigstens. Na, und wir waren jung, ich noch mit ein, zwei Mann, sind wir denn wieder los nach draußen und haben mal geguckt, ne.« Diese versachlichende und ›glatte‹ Erzäh- lung zeigt eine »kulturspezifische Regel des emotionalen Selbstschutzes vor gefühlig-pein- lichen Situationen«24 auf, die sich insbesondere bei den männlichen Interviewpartnern finden lässt, etwa durch ein sich distanzierendes »da haben die alle denn da […] gelegen«. Das Ge- bäude mit »ein, zwei Mann« wieder zu verlas- sen, deute ich als seinen spontanen Wunsch, zumindest ansatzweise autonom zu handeln und zu versuchen, einen Entscheidungsspiel- raum zu nutzen und initiativ zu sein.25 Die Begründung »wir waren jung« kann als heutige kritische Reflexion dieses dama- ligen Verhaltens angesehen werden, seine Familie kurzzeitig allein gelassen zu haben. Andererseits verweist Harld W.‘s Äußerung des ›unterm Strich‹ passiven »und haben mal geguckt« darauf, dass eine aktive Rolle eben auch nicht möglich war: weder konnte anderen geholfen werden, noch war es möglich sich aus dem Schulgebäude, das mittlerweile von Wasser umgeben war, wieder zu entfernen. Diese am- bivalente Darstellungsweise des Erlebten – die oktroyierte Passivität – charakterisiert wesent- liche Aspekte seiner Narration. Karin W. beschreibt im Gegensatz dazu de- tailliert und höchst emotional, was sie in Bezug auf ihre Flucht in das Schulgebäude erinnert: Karin W.: »So man hat, also ich bin so in der Schule im Nachthemd gewesen, hab noch ’n Pullover von meinem Mann, ’n Arbeitspullover gefunden, kei-, ohne Schuhe. Den Jungen hab ich nur in die Wolldecke eingewickelt, konn- te ich ja nicht mehr anziehen, nicht, weil das Wasser ja stieg. Aber in dem Moment, wo wir raus aus’m Haus, und mein Mann wollte auf’s Dach, also ich hab Todesängste gehabt.« Harald W.: »Ja, ich wusste auch nicht, was wir nun machen, nee, also, ob wir das schaffen, man weiß ja nicht, wie hoch das Wasser noch kommt.« Karin W.: »Bloß raus, bloß raus! Und wie mein Mann dann auf’s Dach rauf wollte, und, und, und ich sag, ›Nee, das Kind erfriert ja. Bloß weg hier, bloß weg hier!‹« Harald W.: »Ja, weil im Moment, man wusste ja nicht, wie ich schon sagte, wie weit steigt das Wasser, was ist los, ne?« Karin W.: »Wie hoch kommt es noch, ne.« Im Mittelpunkt von Karin W.‘s Erzählung ste- hen die damaligen Gefühle, ihre ›Todesängste‹. Da sich das Gedächtnis stark an Sinneserfah- rungen bindet,26 erinnert sich Karin W. an ihre spärliche Bekleidung, die sie hat frieren lassen. Und sie benennt – im Unterschied zu ihrem Mann – die Furcht um das Leben ihres Kindes sowie den Vorschlag ihres Ehemannes, sich auf das Dach ihres Hauses zu retten, was sich im Nachhinein als lebensbedrohlich herausgestellt hätte. Harald W. kommentiert die Äußerungen seiner Ehefrau. An die Interviewerin adressiert, rechtfertigt er seinen damaligen Vorschlag. Am Ende dieser Erzählsequenz hat Frau W. ihre subjektive Narrationsebene verlassen und steht ihrem Mann erzählerisch zur Seite. Beide schildern aus heutiger Sicht ihre da- maligen Wahrnehmungen und Handlungen. 62 »Ich habe eben [vor dem Interview] noch mit meiner Frau gesprochen, ich hab gesagt, ›Leni, Du musst auch was sagen, denn es ist ja nicht so, als ob ich das nur erlebt hab. Du hast das ja auch erlebt, Du hast es eigentlich im Grunde genommen vor dem Hintergrund, die Familie zusammenzu- halten und über die Runde zu bringen, hast Du das ja eigent- lich viel stärker erlebt als ich.‹ Aber wissen Sie, das mag unter- schiedlich sein, meine Frau überlässt das Reden lieber mir.« Adolf K., Interview 2004 Darin werden auch unterschiedliche Perspekti- ven auf Raum, hier verstanden als Handlungs- spielräume, sichtbar, die auf Repräsentationen geschlechterstereotyper Eigenschaften und Ver- haltensweisen rekurrieren. Die Literaturwis- senschaftlerin Natascha Würzbach konstatiert im Zusammenhang ihrer Forschungen zu Ge- schlechterbildern in Romanen: »Die traditionell männlich konnotierte Hal- tung der Überlegenheit, die sich bei der Erzähl- instanz in umfassendem Informationsstand und Überblicksperspektive äußert, findet in der Raumdarstellung ihren Niederschlag in einem erhöhten Standpunkt und panoramischer Er- fassung des Raumes. Demgegenüber bevorzu- gen weiblich markierte Erzählinstanzen emoti- onal besetzte Wirklichkeitsausschnitte, was für die Raumdarstellung bedeutet, dass Nahsicht, Erfassung von Einzelheiten und Sensibilität für Stimmungen in der Raumdarstellung weiblich konnotiert sind.«27 An anderer Stelle weist Würzbach auf das Problem der geschlechterstereotypen Symbo- lisierungen hin und spricht Bedeutungszuwei- sungen einen hohen Grad an ›Willkürlichkeit‹ zu.28 Daher wird im Folgenden unter Zuhilfe- nahme eines zweiten Beispiels multiperspek- tivischen Erzählens untersucht, inwiefern ihre fundierten Ergebnisse für eine Analyse aus erzählforscherischer Perspektive dienlich sein können, ohne – wie Amesberger anmahnt – ge- schlechterspezifische Stereotype zu produzie- ren bzw. zu reproduzieren.29 Marlies und Herbert W., damals 28 bzw. 33 Jahre alt, aus Hamburg-Wilhelmsburg, wa- ren damals zehn Jahre verheiratet und lebten mit ihren beiden Söhnen und der (Schwieger-) Mutter in einem Einfamilienhaus im Ortsteil Kirchdorf. Ihre sehr ähnlichen Erzählungen zeugen von einer gemeinsamen Erinnerungs tradierung. Trotz der inhaltlichen Übereinstim- mungen lassen sich jedoch individuelle und geschlechtsspezifische Semantisierungen her- ausstellen: Herbert W.: »Wir haben vieles auf die Ti- sche gestellt, wertvolle Maschinen, Waschma- schinen, Schleuder und so weiter, aber die sind dann nachher doch noch abgesoffen, weil das Wasser einfach höher kam, also man konnte gar nicht alles auf einmal schaffen. […] Dann haben wir gehört, wie unsere Kaninchen – wir hatten 20 bis 30 Kaninchen – absoffen und dass sie fürchterlich geschrieen haben, die schreien so wie kleine Kinder. Aber wir konnten da nichts machen, die Bauweise an unserem Haus war noch in einer einfacheren Form, das heißt, die hintere Stalltür ging nach außen auf und durch den Wasserdruck ließ sie sich auch gar nicht mehr öffnen. Das war also nicht machbar.« Auch Herbert W. bedient sich, vergleichbar mit Harald W., einer nüchternen und rechtferti- genden Sprechweise. Analytisch beurteilt er die damalige Situation: »Das war also nicht mach- bar«, was er mit der Bauweise des Hauses be- gründet. Seine Präsentation als überlegt handeln- der Akteur inmitten steigenden Wassers kann mit Würzbach als »Erzählinstanz in umfassendem Informationsstand und Überblicksperspektive«30 interpretiert werden. Insgesamt formuliert Her- bert W. die damalige Extremsituation als eine gemeinschaftliche Erfahrung an der Seite seiner Ehefrau (»wir«) und – im Gegensatz zu Harald W. – nicht primär selbstbezogen. Die zentrale soziale Positionierung von Mar- lies W. ist ebenfalls die der Ehefrau an der 63 Marlies und Herbert W. in ihrem Garten. Film- still aus »FLUT 1962 – Erinnern. Gedenken. Erzählen«, 2007 Seite ihres Mannes. Allerdings setzt sie in der inhaltlich sehr ähnlichen Erzählsequenz andere Schwerpunkte und konnotiert ihre Erinnerun- gen differenzierter: Marlies W.: »Und denn haben die Kanin- chen draußen geschrieen und unsere Kinder im- mer: ›Die Kaninchen schreien, die Kaninchen schreien!‹ Nun wollte mein Mann aus der Tür raus, und die konnt‘ er schon nicht mehr aufkrie- gen, Gott sei Dank! Ich hab‘ gesagt: ›Lass die Kaninchen, du kannst nicht raus! Du ertrinkst draußen!‹. Die Tür ging schon gar nicht mehr auf, das Wasser war schon so hoch und das kam überall durch und kam ganz schnell rein. Wir haben noch die Schleuder und die Waschma- schine hatten wir damals schon, die haben wir noch rauf gebracht, […]. Und da haben wir das auf den Tisch gestellt. In der Annahme, da bleibt das trocken. Aber das ging sehr schnell.« Während Herbert W. die Erzählsequenz mit den Rettungsversuchen der angeschafften elek- trischen Großgeräte beginnt – sie waren müh- sam erspart und von seinem Gehalt finanziert – so priorisiert Marlies W. ihre Erzählung mit Bezug auf ihre Kinder, die außer sich waren und auf ihren Ehemann, der versuchen woll- te, die Kaninchen zu retten. Die Lebensgefahr für ihren Mann sowie das Chaos fassungsloser Kinder stellen für sie die wesentlichen Erinne- rungsanker dar. Die Rettungsaktion der Groß- elektrogeräte hingegen bleibt in ihrer narrati- ven Selbstpositionierung zweitrangig. Vergleichbar mit der Erzählsequenz von Karin W. artikuliert auch Marlies W. ihre Erinnerun- gen – mit Würzbach – als »emotional besetzte Wirklichkeitsausschnitte«, in denen ebenfalls »Nahsicht, Erfassung von Einzelheiten und Sensibilität für Stimmungen« dominieren.31 Die Verwendung von wörtlicher Rede ist ebenfalls eine in den geführten Interviews zumeist von Frauen häufig genutzte Erzählkonvention. Erst bei näherer Analyse wird »eine um- fassende weibliche Meta-Mitteilung«32 ersicht­ lich, nämlich die, dass beide Frauen sich in der Rückschau auf diese Extremsituation durchaus auch ›männlich konnotiert‹ präsen­ tieren. Sie bewerten in den o. a. Erzählsequen­ zen die unüberlegten Handlungsimpulse ihrer Ehemänner als falsch. Sprachlich inszenieren sie sich gleichzeitig als besonnener und mit räumlichem Überblick. Sie stellen sich als Akteurinnen mit größerem Weitblick als ihre Ehemänner dar, also als diejenigen, die die Gefahrensituation richtig einzuschätzen wuss­ ten. Damit nehmen sie – im Gegensatz zu ihren Ehemännern – den letztendlich ›höheren‹ Stand­ punkt ein und schreiben sich die Fähigkeit einer »panoramische[n] Erfassung des Raumes« zu.33 Geschlechtsspezifische Interpretationen von Naturkatastrophen?! Die interviewten Männer und Frauen äußern in ihren Erinnerungserzählungen ihre Haltung gegenüber den damaligen Geschehnissen. Darin werden, wie oben ausgeführt, auch un­ terschiedliche ›Erzähltaktiken‹ deutlich, die implizit ihr jeweiliges Geschlechterrollenver­ ständnis zeigen. Bewältigungsstrategien tragen ebenfalls geschlechtsspezifische Züge. Diese können politisch-gesellschaftliche Gedenktraditionen – durchaus auch kritisch – bereichern: Während Männer in den Interviews die Bedeutung von Erinnerungszeichen wie Denkmälern hervor­ heben und somit in dem auffordernden Gestus, die Ereignisse nicht zu vergessen, nach außen hin agieren, stellen Frauen die Bedeutung he­ raus, die die innerfamiliäre Weitergabe der Erinnerungen, etwa in Form von Fotoalben, für sie hat. Diese auf den ersten Blick dichoto­ men Haltungen – Männlichkeit fokussiert auf Öffentlichkeit und Weiblichkeit auf Privatheit – wirken sich meines Erachtens nach jedoch ergänzend und somit stärkend auf die lokale Gedenkkultur aus.34 Öffentliches Gedenken und tradierte Familiengeschichte halten erst in ihrem Zusammenwirken die Erinnerung wach, wie auch die Veranstaltungen mit Zeitzeug_in­ nen zum 50. Jahrestag zur Hamburger Sturm­ flut von 1962 im vergangenen Jahr eindrück­ lich zeigten.35 Dies ist umso bedeutsamer als in Bezug auf mögliche weitere Sturmfluten das Gefahrenbewusstsein in der heutigen Hambur­ ger Bevölkerung, aufgrund mangelnder eigener Erfahrungen, sehr viel weniger ausgeprägt ist. Im Vergleich zu 1962 haben sich die Ge­ schlechterrollen und ihr Verhältnis zueinander geändert. Auch haben sich Frauen seither als Angehörige der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerkes (THW) oder der Deichverbände ebenfalls als Retterinnen in Gefahrensituation bewiesen. Daher könnte eine vergleichende Analyse z.B. von Interviews mit ehemals Be­ troffenen der Elbe-›Jahrhundertflut‹ im Jahr 2002 ähnlich lohnend sein wie Untersuchun­ gen aus den USA zu geschlechtsspezifischen Interpretationen von Naturkatastrophen in ge­ genwärtigen sozio-kulturellen Zusammenhän­ gen. Letztere konnten ermitteln, dass Frauen insbesondere im Schnittpunkt von Familie und Gemeinschaft eine zentrale Rolle sowohl in der Katastrophensituation als auch bei dem anschließenden Wiederaufbau innehatten. Im Kontext gesellschaftlicher Machtverhältnis­ se und des Klimawandels werden von sozi­ alkritisch argumentierenden Forscher_innen Veränderungen für zukünftige Katastrophen­ schutzmaßnahmen angemahnt, die die unter­ schiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen von Frauen und Männern berücksichtigen sollen.36 Unter dem Eindruck der Überflutungen im Osten und Süden Deutschlands im Juni 2013 bleibt festzuhalten, dass eine Sensibilisierung für gender-orientierte Perspektiven im bislang ›naturkatastrophenarmen‹ Deutschland in der gegenwärtigen Forschung nicht auszuma­ chen ist. In quantitativen Erhebungen bspw. zur Ermittlung des Regional- bzw. Gefahren­ bewusstseins der Küstenbevölkerung (2009) oder Tide-Elbe-Anwohner_innen (2012) stel­ len geschlechterspezifische Fragestellungen keine als relevant erachtete Perspektive dar.37 Jedoch verdeutlichen nicht zuletzt die hier mit erzählforschenden Fragestellungen analysier­ ten Interviews, dass in der Retrospektion durch die betroffenen Bevölkerungsteile durchaus Potenzial für das ›Gendern einer Naturkata- strophe‹ hierzulande liegt. Forschungsdeside­ rate ergeben sich bspw. in Bezug auf das Zu­ sammenwirken von Gender und Resilienz, also der geschlechterspezifischen Untersuchung von Verwundbarkeit bei einer auftretenden Natur­ katastrophe, ihrer anschließenden Bewältigung und der Erfahrungen des Wiederaufbaus. Er­ zählforschung als Bewusstseinsanalyse ver­ steht sich in diesem Zusammenhang als ein kulturanthropologischer Zugang, der in den Erinnerungserzählungen von Frauen und Män­ nern sprachlich kodierte Haltungen, Welt- und Wirklichkeitsbilder ermittelt, die wiederum Rückschlüsse auf den Umgang mit einer Natur­ katastrophe ermöglichen können. Anmerkungen 1 Vgl. Walter Gillis Peacock / Betty Hearn Mor­ row / Hugh Gladwin (Hg.): Hurricane Andrew. Ethnicity, Gender and the Sociology of Disas­ ters, London/New York 2012; Emmanuel David / Elaine Enarson (Hg.): The women of Katrina. How Gender, Race, and Class Matter in an American Disaster, Nashville 2012. 2 Vgl. Gülay Çağlar / María Mar Castro Varela / Helen Schwenken (Hg.): Geschlecht – Macht – Klima. Feministische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerech­ tigkeit, Opladen/Berlin/Toronto 2012. 3 Vgl. Helga Amesberger: Zur Produktion von Geschlecht in lebensgeschichtlichen Interviews, in: BIOS, 22. Jg., 2009, H. 1, S. 105-116, hier S. 106. 4 Ute Daniel: Erfahren und verfahren. Überlegun­ gen zu einer künftigen Erfahrungsgeschichte, in: Lesarten der Geschichte. Ländliche Ordnung und 64 »Das Wasser ist doch ’n bisschen höher gestiegen als, als man vermutete. Also das zeigt eigentlich auch noch mal, dass keiner- lei Vorstellung […] beim überwiegenden Teil der Bevölkerung war, wie hoch denn das Wasser kommen könnte. […] Na ja, ich weiß nicht, wie groß hier die Resonanz ist, dass sich die Men- schen, die heute hier leben noch konkrete Gedanken machen, welche Folgen das denn hätte, wenn das wieder passieren wür- de. Hoffentlich ja nie.« Hans-Heinrich H., Interview 2004 Geschlechterverhältnisse, Kassel 2004, S. 9-30, hier S. 17. Vgl. Albrecht Lehmann: Reden über Erfahrung. Kulturwissenschaftliche Bewusst- seinsanalyse des Erzählens, Berlin 2007; vgl. Gabriele Lucius-Hoene / Arnulf Deppermann: Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeits- buch zur Analyse narrativer Interviews, 2. Aufl., Wiesbaden 2004; vgl. Vera Nünning / Ansgar Nünning (Hg.): Erzähltextanalyse und Gender Studies, Stuttgart/Weimar 2004. 5 Christian Pfister: Naturkatastrophen und Na- turgefahren in geschichtlicher Perspektive. Ein Einstieg, in: Ders. (Hg.): Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500-2000, Bern/Stuttgart/Wien 2002, S. 11-25, hier S. 15. 6 Carsten Felgentreff / Thomas Glade: Naturereig- nisse sind unausweichlich, Katastrophen nicht?!, in: Dies. (Hg.): Naturrisiken und Sozialkatastro- phen, Heidelberg 2008, S. 443-448, hier S. 448. 7 Vgl. Dieter Groh / Michael Kempe / Franz Mau- elshagen: Einleitung, in: Dies. (Hg.): Naturkata- strophen. Beiträge zu ihrer Deutung, Wahrneh- mung und Darstellung in Text und Bild von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, Tübingen 2003, S. 11-33, hier S. 19. 8 Natascha Würzbach: Raum, in: Vera Nünning / Ansgar Nünning (Hg.): Erzähltextanalyse und Gender Studies, S. 49-71, hier S. 50. 9 Zur Tradierung von Naturbildern aus männlicher Sicht vgl. Inge Stephan: Gender, Geschlecht und Theorie, in: Christina von Braun / Dies. (Hg.): Gender-Studien. Eine Einführung, Stuttgart/ Weimar 2000, S. 58-96, hier S. 80ff. 10 Vgl. Sabine Wienker-Piepho: Genderlect. Ein Beitrag zur historisch-vergleichenden Erzähl- forschung, in: Christel Köhle-Hezinger / Martin Scharfe / Rolf Wilhelm Brednich (Hg.): Männ- lich. Weiblich. Zur Bedeutung der Kategorie Geschlecht in der Kultur, Münster 1999, S. 224- 234, hier S. 227. 11 Bettina Dausien: Erzähltes Leben – Erzähltes Geschlecht? Aspekte der narrativen Konstruk- tion von Geschlecht im Kontext der Biogra- phieforschung, in: Feministische Studien, 2001, H. 2, S. 57-73, hier S. 68. (Herv. i. O.). 12 Vgl. Kirsten Heinsohn: Kommentar: Nach- kriegszeit und Geschlechterordnung, in: Julia Paulus / Eva-Maria Silies / Kerstin Wolff (Hg.): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt a.M. 2012, S. 92-99, hier S. 95. Die Erwerbsquo- te von Frauen stieg von 26,4% im Jahr 1950 auf 36,5% im Jahr 1961. Vgl. Ute Frevert: Umbruch der Geschlechterverhältnisse? Die 60er Jahre als geschlechtspolitischer Experimentierraum, in: Axel Schild / Detlef Siegfried / Karl Christian Lammers (Hg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 642-660, hier S. 643. 13 Ebenda, S. 660. 14 Vgl. Heidrun Alzheimer-Haller: Moralische Geschichten als Vermittlungsinstanz von Ge- schlechterrollen, in: Christel Köhle-Hezinger / Martin Scharfe / Rolf Wilhelm Brednich (Hg.): Männlich. Weiblich, S. 235-245, hier S. 241f. 15 In Fernsehfilmen, z. B. »Sturmflut« (Fernsehfilm NDR 1987), »Die Nacht der großen Flut« (Doku- drama arte/NDR 2006), »Die Sturmflut« (RTL- Zweiteiler 2006) sowie zahlreiche Dokumentati- onen zuletzt anlässlich des 50. Jahrestages 2012. 16 Vgl. Vera Nünning / Ansgar Nünning: Von der feministischen Narratologie zur gender-orien- tierten Erzähltextanalyse, in: Dies.: Erzähltext- analyse, S. 1-32, hier S. 11. 17 Vgl. z.B. Sigrid Früh / Rainer Wehse (Hg.): Die Frau im Märchen, Kassel 1985; Cristina Bac- chilega: Postmodern Fairy Tales. Gender and Narrative Strategies, Philadelphia 1997; Natha- lie Blaha-Peilex: Mütter und Anti-Mütter in den Märchen der Brüder Grimm, Tübingen 2008. 18 Eine Ausnahme bildet die Untersuchung der Erzählungen von Frauen im Kontext von Flucht und Vertreibung. Vgl. Albrecht Lehmann: Im Fremden ungewollt zuhaus. Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland 1945-1990, München 1991, hier S. 151-170; vgl. auch Kon- 65 gressbeiträge in: Christel Köhle-Hezinger / Martin Scharfe / Rolf Wilhelm Brednich (Hg.): Männlich. Weiblich; sowie Christine Burckhardt- Seebass / Sabine Allweier (Hg.): Geschlechter- Inszenierungen. Erzählen. Vorführen. Ausstel- len, Münster 2003. 19 Sabine Wienker-Piepho: Genderlect, S. 225. 20 Ebenda, S. 36. 21 Helga Amesberger: Produktion, S. 107. Weiter- führend: Bettina Dausien: Biografieforschung. Theoretische Perspektiven und methodologische Konzepte für eine re-konstruktive Geschlechterfor- schung, in: Ruth Becker (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 314-325. 22 Gabriele Lucius-Hoene / Arnulf Deppermann: Rekonstruktion, S. 68. 23 Vgl. Sabine Wienker-Piepho: Genderlect, S. 229f. 24 Albrecht Lehmann: Reden, S. 176. 25 Vgl. Gabriele Lucius-Hoene / Arnulf Depper- mann: Rekonstruktion, S. 59. 26 Vgl. Albrecht Lehmann: Reden, S. 56. 27 Natascha Würzbach: Raum, S. 65. 28 Vgl. ebenda, S. 51. 29 Vgl. Helga Amesberger: Produktion, S. 105. 30 Natascha Würzbach: Raum, S. 65. 31 Vgl. ebenda. 32 Sabine Wienker-Piepho: Genderlect, S. 230. 33 Vgl. Natascha Würzbach: Raum, S. 65. 34 Vgl. Sylvia Schraut / Sylvia Paletschek: Re- membrance and Gender. Making Gender Visible and Inscribing Women into Memory Culture, in: Dies. (Hg.): The Gender of Memory, Frankfurt a.M. 2008, S. 267-287, hier S. 281f. 35 Eine Vielzahl der etwa 50, an alle Bevölkerungs- teile adressierten, Veranstaltungen (Ausstellun- gen, Gesprächsrunden, Filmvorführungen, Got- tesdienste etc.) war initiiert von in Vereinen und Verbänden organisierten, damals betroffenen Frauen und Männern. Die Veranstaltungsorte waren fast ausnahmslos in den 1962 überfluteten Stadtteilen. 36 Vgl. Walter Gillis Peacock / Betty Hearn Mor- row / Hugh Gladwin (Hg.): Hurricane Andrew, S. 135ff.; vgl. Emmanuel David / Elaine Enarson (Hg.): The women of Katrina. 37 Vgl. Beate Ratter / Martin Lange / Cilli Sobiech: Heimat, Umwelt und Risiko an der deutschen Nordseeküste. Die Küstenregion aus Sicht der Bevölkerung, GKSS Bericht 10, Geesthacht 2009. Befragt wurden 862 Bewohner_innen aus 22 Nordsee-Gemeinden (422 Männer/440 Frau- en); vgl. Beate Ratter / Barbara Weig: Die Tide- Elbe. Ein Kultur-, Natur- und Wirtschaftsraum aus Sicht der Bevölkerung, HZG-Report, Geest- hacht 2012. Randzitate Alle Zitate sind Ausschnitte aus Audio- und Video- interviews (geführt 2004), die Frauke Paech im Rahmen ihres Dissertationsprojektes »Filmer- zählung und Erinnerung« mit Dissertationsfilm »FLUT 1962 – Erinnern. Gedenken. Erzählen.« erhoben hat. Bildnachweise Seite 59: (rechts) Nachlass Ursula Seemann, Privat- besitz. (links) Nachlass Hans-Peter Stechmann, Privat- besitz. Seite 60: (beide) Sieglinde Seufert. Seite 61: Jutta Dierks. Seite 63: Frauke Paech.